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Manuelle Therapie und

 

Schlüsselzonenmassage nach

 

Dr. med. H. Marnitz

 

 

Dozent: Martin Bund, Physiotherapeut

Vorwort des Herausgebers

 

Die Schlüsselzonenmassage und manuelle Therapie nach Dr. Marnitz - im

Folgenden „Marnitz –Therapie“ genannt - ist eine ganzheitliche Reflexzonentherapie.

Dr. Marnitz, der sich intensiv seinen Patienten widmete, war überzeugt, das richtige

Instrument zur Heilung oder Linderung ihrer Beschwerden „in der Hand“ zu haben. Er

hat eine Methode entwickelt, die exakt und spezifisch wirkt.

 

Dank Herrn Anton Piegsa, Masseur und Krankengymnast hat er sein Lebenswerk,

das Buch „Systematik einer vernachlässigten, aber zuverlässigen Heilkunst am

Bewegungsapparat“ vollendet.

 

Dr. Marnitz hat allen interessierten Therapeuten den Weg gezeigt: nicht die

Defektbeseitigung an einem Erkrankungsort steht im Vordergrund therapeutischen

Handelns, sondern das Überblicken von Zusammenhängen.

 

Die Ursachen von Erkrankungen entstehen oft an anderer Stelle, als sie sich

zeigen (siehe Störfeldbegriff bei Marnitz).

 

Um heilend oder lindernd einwirken zu können, muss man die Wege der Reiz-

ausbreitung kennen. Man muss auch wissen, dass es stumme

Erkrankungszonen gibt. Das Gebiet, das behandelt werden muss, wird somit

wesentlich größer, als das, des in Erscheinung getretenen Schadens.

 

Dr. Marnitz hat gezeigt, dass bei jedem Menschen die gleichen Zonen, die

„Schlüsselzonen“, vorhanden sind, von denen aus sich andere beeinflussen lassen,

und dies in einer bestimmten Richtung und Reihenfolge.

 

Oft ist der primäre Krankheitsherd nur über die Schlüsselzonen zu beeinflussen.

Fundierte Kenntnisse der funktionellen Anatomie werden vorausgesetzt.

Dieses Script ersetzt nicht die Teilnahme an einem Einführungskurs in die „Manuelle

Therapie und Schlüsselzonenmassage nach Dr. Marnitz“!

 

 

© Das Skript ist urheberrechtlich geschützt!

Verwendung auch auszugsweise

nur mit Genehmigung des Verfassers erlaubt

 

Martin Bund

Physiotherapeut und Masseur

Egginger Weg 4,

89077 Ulm,

Tel.: 0731-935665

Fax. :0731-935668

www: marnitz-therapie.de

Inhaltsverzeichnis

 

Charakteristik der Marnitz-Therapie

Bausteine der Marnitz – Therapie: Massage und Manuelle Therapie

 

Physiologische Grundlagen

Der normale Ablauf der Lebensvorgänge

Störung der Lebensvorgänge = Erkrankung

Pathologie – Wege der Reizausbreitung

Mögliche Folgen von Wirbelverschiebungen

Steuerung des Bewegungssystems

Grundlagen der Wirksamkeit kleinflächiger gezielter Friktionen der Marnitz-

Therapie auf Tonus, Schmerz und Elastizität von Muskeln, Sehnen und

Ligamenten

Therapeutische Konsequenzen

Massage – tiefe Friktion und Querfriktion

Manuelle Therapie

 

Praxis: Unterer Aufbau

Schlüsselzonenmassage LWS, ISG, Beine, Füße

Manuelle Therapie LWS, ISG

 

Schlüsselzonenmassage Hüftgelenk

Manuelle Therapie Hüftgelenk

 

Schlüsselzonenmassage Kniegelenk

Manuelle Therapie Kniegelenk

 

Schlüsselzonenmassage Fuß

Manuelle Therapie Fuß

 

 

Praxis: Oberer Aufbau

Schlüsselzonenmassage BWS, Thorax

Manuelle Therapie BWS, Thorax

 

Schlüsselzonenmassage Schulter

Manuelle Therapie Schulter

 

Schlüsselzonenmassage Arm

Manuelle Therapie Arm

 

Schlüsselzonenmassage Hand

Manuelle Therapie Hand

 

Schlüsselzonenmassage HWS, Kopf und Gesicht

Manuelle Therapie HWS, Kopf und Gesicht

Charakteristik der Marnitz Therapie

 

Die Marnitz - Therapie ist eine Kombination aus gezielter Massage und manualthe-

rapeutischen Maßnahmen.

 

Es ist eine Reflexzonentherapie mit ganzheitlichem Behandlungskonzept. Die

Therapie findet nicht nur am Ort der aktuellen Störung statt, sondern auch im

zugehörigen Körperabschnitt und in den korrespondierenden Zonen.

 

Die Behandlung erfolgt nach dem Befund. Ein Teil des Befundes wird während der

Behandlung erstellt.

 

Die Marnitz - Therapie eignet sich vor allem für akute und chronische orthopädische

Erkrankungen, besonders in Fällen in denen anzunehmen ist, dass ein

multifaktorielles Geschehen die Ursache einer Läsion ist, aber auch, wenn keine

Hyperämisierung im Gewebe erwünscht ist, wie z.B. bei Ödemen, Hypertonie,

cardialen Problemen, nach Bestrahlungen. Die Marnitz- Therapie hat auch positive

Wirkungen auf funktionelle organische Beschwerden.

 

 

 

Die Bausteine der Marnitz - Therapie sind:

 

1. Massage mit gezielten kleinflächigen Griffen. Griffe der klassischen Massage wer-

den abgewandelt:

tiefe Friktion, Verweildruck und Querfriktion am Übergang Muskel- Sehne,

bzw. am Ansatz der Sehnen an der Knochenhaut

Flachzangengriff, Geldzählergriff

Zitronengriff oder Krallengriff

Kreuzgriff

Daumenabrollgriff, Abrollgriff

Manipulativ-, oder Funktionsmassagegriff

Sägegriff

 

Massage ohne Gleitmittel und ohne Verschiebung auf der Haut

 

2. Manuelle Therapie

passives Durchbewegen

Traktion, Kompression

Rollen und Gleiten

Dehnungen

Weichteiltechniken

Vibrationen und Schüttelungen

 

„sanfte Techniken“- keine Impulstechniken !

Physiologische Grundlagen der

Marnitz-Therapie

 

1. Der normale Ablauf der Lebensvorgänge

1. Störung der Lebensvorgänge = Erkrankung

2. Pathologie - Wege der Reizausbreitung

3. Die Grundlagen der Wirksamkeit kleinflächiger gezielter Friktionen bei der Marnitz – Therapie auf

Tonus, Schmerz und Elastizität von Muskeln, Sehnen und Ligamenten

4. Therapeutische Konsequenzen und Ausführung der Friktionsbehandlung

5. Ausführung der Manuellen Therapie

 

„Die physiologische Grundlage der Wirksamkeit der Marnitz-Therapie in Diagnostik und Therapie ist die Rolle der

Reizausbreitung in lebenden Organismen.“

 

1. Der normale Ablauf der Lebensvorgänge wird gesteuert

1.1. humoral: innerhalb der Körperflüssigkeiten Blut, Lymphe, Liquor, Zwischenzellsubstanz und im

Bindegewebe durch Hormone und Enzyme.

1.2. nerval: das Zentralnervensystem plant Handlungen, die von ihm durch Nervenimpulse sensomotorisch

eingeleitet und überwacht werden (bewusst).

Vom vegetativen Nervensystem aus werden die lebenswichtigen Organtätigkeiten erhalten. Es innerviert

die inneren Organe, regelt Atmung, Blutzirkulation, Verdauung, Stoffwechsel, Sekretion, Exkretion und

Fortpflanzung (unbewusst).

 

2. Störung der Lebensvorgänge = Erkrankung

 

Durch Gewebsschädigungen wird der normale Fluss der vegetativen Nervenimpulse gestört. Folge davon ist die

Entstehung krankhafter Veränderungen.

Auf Schädigungen reagieren die Gewebe direkt oder reflektorisch mit Störungen des vegetativen Impulsflusses.

Dabei treten folgende Veränderungen der Gewebe auf:

 

Muskulatur: Hypertonus, Hypotonus, Verkürzung, Myogelosen, Abschwächung, Lähmung

Bindegewebe: Quellung, Einziehung, erhöhte Konsistenz, Odembildung, Verschwartung

Gefäße: Drosselung der Feindurchblutung im kapillaren Endnetz, Ödembildung

Nervengewebe: Schmerz spontan, bei Bewegung und auf Druck (Fehlimpulse, Sensibilitätsstörungen).

Funktionsstörungen: bei längerer Dauer der Spannungserhöhung und Durchblutungsstörung können

Gelosen und bindegewebige Fibrosierungen entstehen und Bewegungseinschränkungen folgen

 

2.1. Pathologie - Wege der Reizausbreitung:

Besteht eine Störung, z.B. ein Beckenschiefstand, über einen längeren Zeitraum, hat dies Störungen in

entfernten Gebieten zur Folge

Diese wiederum verstärken die Störung am Entstehungsort — circulus vitiosus

Auch so genannte „stumme Störzonen" haben die Tendenz zur Ausbreitung

 

Die Reizausbreitung (pathologisch und physiologisch) kann auf verschiedenen Wegen erfolgen:

 

a. Reizausbreitung lokal, direkt am Ort einer Verletzung

 

b. Reizausbreitung nerval - über das Segment

vom wurzelnahen Gebiet der Wirbelsäule in die Peripherie entlang der gleichen Nervenwurzel und umgekehrt -

reflektorisch auch zu inneren Organen, d.h. nerval, z.B. Im Versorgungsgebiet des n. ischiadicus.

 

Die Endverzweigung sensomotorischer Nerven, die rezeptive Felder versorgen, überschneiden sich. Das heißt,

es gibt Korrespondenzen zwischen den einheitlich segmental gegliederten Versorgungsgebieten. Folge davon ist

zum Beispiel der fortgeleitete Schmerz (referred pain).

 

Chemische und physikalische Reizungen der Nervenfasern, beziehungsweise deren Myelinscheide durch

Ödeme, Bandscheibengewebe, Randzacken, Gewebsübersäuerung, Mediatoren wie Histamin, Serotonin,

Acetylcholin, bewirken über die Schmerzempfindung hinaus vor allem Dauerentladungen der langsamen

Nervenfasern, was in entfernten Gebieten zu vegetativen Begleitphänomenen wie zum Beispiel Vasodilatation

führen kann. Eine ganze Reihe neurodystrophischer Reflexe sind die Folge.

c. Reizausbreitung über Funktionsketten, Bewegungsketten, kinetische- oder

tendomyotische Ketten

 

Es besteht ein funktioneller Zusammenhang zwischen Skelettmuskeln, die bei der Durchführung einer

lntentionsbewegung zusammenwirken, den so genannten Synergisten. Bereits erhöhter Tonus eines

Muskels und in dessen Folge eingeschränkte Beweglichkeit eines Gelenkes stellen ein stummes, bei

Schmerzhaftigkeit manifestes Krankheitsgebiet, dar.

 

Es zeigt immer die Tendenz, sich entlang dieser funktionellen Ketten auszubreiten.

Um in Bewegung und Ruhe ein Gleichgewicht zu erreichen, müssen die Gegenspieler oder

Antagonisten der hypertonen Muskulatur ebenfalls ihren Spannungszustand erhöhen.

Folge davon kann ein generalisierter Hypertonus der Skelettmuskulatur sein.

 

Über diese Funktionsketten Ist im umgekehrten Fall auch eine Reizausbreitung in Richtung

Detonisierung möglich (Heilwirkung der Marnitz-Therapie).

 

d. Reizausbreitung humoral

 

Bewegungseinschränkung - lokale physikalische und chemische Reize führen am Ort zu zellulären und

extrazellulären Entzündungen. Durch Aktivität der Leukozyten kommt es zur Freisetzung von

Leukotrienen, Histamin, Prostaglandin, Bradykinin und Serotonin.

 

Die Gefässpemeabilität steigt. Dadurch treten Plasmaproteine aus den Gefäßen aus. Dies führt zum

Ödem. Fibrin lagert sich an Kollagenfasern an. Es kommt zur bindegewebigen Verklebung.

 

Folge ist eine Unterversorgung des Gewebes, Vasomotionsstörungen, Hypoxie, Zelluntergang - z.B.

Oblonskaia - Goljanitzki – Effekt.

 

 

 

e. Reizausbreitung über das vegetative Nervensystem und mögliche Folgen

von Wirbelverschiebungen

 

die Verbindung sensibler und motorischer Fasern verschiedener Segmente und deren Verbindungen zu

den inneren Organen eröffnet ein großes Wirkungsfeld für die Physiotherapie:

 

 

„Das vegetative Endnetz durchzieht alle Regionen. Alles ist mit Allem leitend verbun-

den.

 

Durch Störung oder Schädigung entstandene Krankheitsgebiete haben die Eigen-

schaft gleichartige oder ähnliche Störungen in anderen Regionen des

Bewegungsapparates zu erzeugen, anfangs leichter und reversibel, bei längerer

Einwirkung irreversibel (eingefahrene Fehlreflexe).

 

Diese sekundären Krankheitsgebiete werden schließlich eigenständig und wirken

ihrerseits schädigend und krankheitsunterhaltend auf weitere Regionen und

rückläufig auf das ursprüngliche Krankheitsgebiet ein.“(Dr.H.Marnitz)

 

 

 

Marnitz Therapie wird auf den selben Bahnen, auf denen die physiologische

Reizausbreitung erfolgt, durchgeführt.“